Stimmen von queeren Menschen zu Queerness und Polizei

Triggerwarnung: Queerfeindlichkeit, Polizeigewalt, sexualisierte Gewalt

Auf CSDs bekommt die Perspektive von queeren Menschen, die Polizeigewalt erleben, oder sich aus anderen Gründen mit der Polizei auf dem CSD nicht wohlfühlen, oft wenig Raum. Gestern haben wir daher einen Offenen Brief an @csdkiel veröffentlicht. Heute wollen wir weitere Stimmen von Queers sichtbarer machen, die von ihren Erfahrungen und Gedanken zur Polizei erzählen.

Den vollständigen Offenen Brief findet ihr hier

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Wenn die Polizei auf den CSD eingeladen wird, fühle ich mich nicht nur unwohl. Ich habe das Gefühl, dass der Kampf, den queere Menschen seit Generationen führen, übergangen wird. Dass er respektlos wegignoriert wird. Aber wo wären wir ohne die die kämpfenden Generationen vor uns? 

Der CSD entstand, weil Menschen sich Polizeigewalt nicht mehr still haben gefallen lassen, weil Menschen sich entgegengestellt haben. 

Wieso darf also die Polizei auf einem CSD sprechen, der dem Namen nach an die Stonewall Riots in der Christopher-Street erinnert, aber für Menschen, die die Geschichte hinter diesem Tag sehen und die heute auch noch vermehrt vorhandene Polizeigewalt gegenüber queeren Personen benennen, ist kein Platz? 

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Wenn ich die Polizei sehe, zieht sich nicht mehr jedes Mal alles in mir zusammen, ich habe keine Angst mehr. Aber das liegt nicht daran, dass ich mich sicher fühle. Das liegt daran, dass jedes mal, wenn ein Polizist meine Freund*innen niederknüppelt, bewusstlos schlägt, ihnen die Knochen bricht, ein Teil in mir stirbt, der mir erlaubt, sowas wie Angst noch zu fühlen. Nein, ich habe keine Angst mehr. Aber wenn ich die Polizei auf dem CSD sehe, wie ihr eine Bühne geboten wird, wie sie sich als ach so queerfreundlich inszeniert, dann zieht sich immernoch an alles in mir zusammen. Die Polizei, die mich und meine Freund*innen immer wieder absichtlich misgendert, queerfeindlich beleidigt, schikaniert, bekommt hier Raum, während meine Erfahrungen auf dem CSD scheinbar nicht sichtbar sein dürfen. 

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Ich bin queer und politisch aktiv, für Klimagerechtigkeit, Antifaschismus und Menschenrechte – und wenn ich weiß, dass Polizist*innen auf dem Straßenfest sind, macht mir das Angst. Es sorgt dafür, dass ich mich nicht mehr frei und unbeschwert fühlen kann – denn Polizist*innen haben mir viel Gewalt angetan. Hier ein paar Beispiele:

Nach einer Blockade bei einer Klimaaktion bin ich vom Wasser geräumt worden. Ich habe beobachtet, wie andere Menschen um mich herum vor den Motorbooten der Polizei wegschwammen. Die Beamten fuhren öfter über Menschen drüber und entgegneten auf panische Schreie von mir und anderen, dass das lebensgefährlich sei, nur grinsend, dass die Aktivist*innen dann halt im Boot hätten bleiben sollen. Manche besonders schwer zu räumende Aktivisti sind auf dem Motorboot geschlagen worden, solange das Presseboot mit den Kameras nicht in Sicht war. Später auf der Wache musste ich mich bis auf die Unterhose ausziehen, weil meine Kleidung nass war. Andere, die vor mir dran waren bekamen Ersatzhose und Tshirt, wieder andere einen weißen Maler*innenanzug. Ich bekam nur ein Handtuch, welches gerade einmal Brust und Hüfte abdeckte und welches nur durch meinen krampfhaften Griff an Ort und Stelle gehalten wurde. Zur ED-Behandlung wurde ich in einen Raum mit etwa 5 männlichen sowie 2 weiblichen, uniformierten Beamt*innen gezerrt. Ihr Ziel war es, die schwarze Farbe und das Glitzer von meiner Hand zu waschen um bessere Fingerabdrücke zu bekommen. Mindestens drei Männer hielten mich fest – je einer meinen rechten bzw. linken Arm, ein weiterer stand hinter mir und hatte mit seinem Arm meinen Hals und Kopf fixiert. Ein weiterer schrubbte mit einer Bürste und starkem Druck an meiner Hand herum. Ich versuchte in dieser Situation verzweifelt, das Handtuch über meiner Brust zusammenzuhalten. Die Situation triggerte ziemlich dolle vorhergegangene Erfahrungen bei mir und ich schrie – denn sobald du dich in so einer Situation wegdrehst oder losreißt, gilt das als ‚Widerstand‘ und kann als Straftat verurteilt werden. Über meine Schreie und mein Weinen machten sich die Beamt*innen lustig, ich solle mich mal nicht so anstellen, während der Cop hinter mir mit seinem Unterarm auf meinen Hals drückte und mit seinen behandschuhten Händen meinen Mund gewaltvoll zudrückte. Ab dem Moment erstarrte und verkrampfte ich vollkommen und ich kann mich nicht mehr ganz daran erinnern, was danach passierte. Ich weiß nur noch, dass die beiden weiblichen Cops ungefragt über meinen Arm streichelten und mir zusicherten aufzupassen, dass das Handtuch nicht runterrutscht – kurz bevor sie ihren mich würgenden Kollegen fragten, ob er bald Ablösung brauche, das sei sicher sehr anstrengend für ihn. Auf einer anderen Wache sagten mir zwei Polizist*innen, ich sei selber Schuld wenn sie mir beim Versuch meine Fingerabdrücke zu nehmen die Finger brechen, ich solle halt besser kooperieren. Auf wieder einer anderen Wache packte ein männlicher Beamter bei der ED-Behandlung mit Gewalt meinen Kopf an meinen Haaren, mit der anderen Hand fixierte er meinen Kiefer und drückte mit dem Daumen Schmerzpunkte. Bei einer Abseilaktion drohte einer der als erstes herbeieilenden Cops dem im Seil hängenden Menschen damit, ihn loszuschneiden und in die Tiefe stürzen zu lassen, wenn er nicht von selbst die Aktion beende. Bei so gut wie jeder antifaschistischen Sitzblockade biegen Cops bei Schmerzgriffen unsere Handgelenke, in Kiel wurden dabei schon zweimal (nicht bei mir, aber bei anderen Menschen) Knochen im Handgelenk gebrochen. 

All das sind schon für mich persönlich genug Gründe, warum ich nicht will, dass die Polizei so eine große Präsenz hat: Es macht mir Angst. Vor allem macht es mich aber wütend, weil ich weiß, dass diese Institution genau das mitträgt, verteidigt und voranbringt, wogegen ich kämpfe: Rechtsruck, rassistische Entrechtung von Migrant*innen und autoritären Staatsumbau. Ich will nicht, dass wir so tun als würden genau diejenigen an unserer Seite kämpfen, die mich und meine Geschwister verprügeln und unterdrücken. Ich will, dass wir als Community verstehen, was ’sichere Häfen für alle‘ wirklich bedeutet: No one is free until all are free!

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Wenn ich an die Polizei denke, denke ich an Entwürdigung, Rassismus und Queerfeindlichkeit. Vor allem aber bekomme ich Panik, sobald ich Cops sehe. Das war nicht schon immer so. Jedoch habe ich im letzten Jahr vermehrt Erfahrungen im Zuge des Aktivismus gesammelt. Was ich daraus mitnahm waren eine Gehirnerschütterung, mehrere Prellungen und Entmenschlichungen durch die Cops, sowie das Gefühl komplett machtlos zu sein. Wenn ich nun mit Menschen darüber spreche, dass Cops mich unsicher fühlen lassen und ich dann höre „Es sind aber nicht alle so.“ zieht sich in mir alles zusammen, denn diese Personen haben nicht erlebt und gesehen, was ich sah und erlebte. Die Gewalt, welche mir selbst  zugefügt wurde oder auch meinen Freund*innen. Das absichtliche Misgendern oder das „zufällige“ rausziehen von den wenigen POCs bei Demos,obwohl diese nichts gemacht haben. Es lässt mich manchmal noch ungesehener und machtloser fühlen. Jedoch ändert es nicht meine Realität und die vieler anderer! Daher keine Cops auf dem CSD, das ist UNSER SafeSpace. 

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Als queere Person haben meine Freund*innen und ich mehrfach erleben müssen, wie wir auf Demos, in Aktion oder auf der Straße von Cops Misgendert und sprachlich Herabgewürdigt wurden oder physische Gewalt erfahren haben.

Ich finde es einfach nur absurd und es macht mich so wütend, dass an einem Ort wie dem CSD Kiel, der sich „sicherer Hafen“ nennt, der Polizei eine Bühne geboten wird, um sich als queerfreundlich zu inszenieren; während ich mich als queerer Mensch vor deren Gewalt schützen muss, bzw ich und so viele andere der Gewalt der Polizei so oft schutzlos ausgeliefert sind. Der CSD ist kein Saferspace für Cops!

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Das folgende ist bei einer Demonstration in Kiel passiert. Obwohl ich die Beamt*innen gleich zu Beginn der Maßnahme darauf hinwies, dass ich eine Frau bin, und mich mit meinem Personalausweis auswies, wurde meine Geschlechtsidentität vollständig ignoriert. Statt meine Angaben ernst zu nehmen, wurde darüber gespottet und sich darüber amüsiert. In den Einsatzprotokollen heißt es: „Behauptete eine Frau zu sein. Sah männlich aus.“. Gegen meinen ausdrücklichen Widerspruch wurde entschieden, dass ich von einem männlichen Polizisten durchsucht werden sollte. Diese Entscheidung war nicht nur entwürdigend, sondern aus meiner Sicht auch rechtswidrig.

Diese Missachtung zieht sich durch das gesamte Verfahren. Selbst vor Gericht wurde ich nicht konsequent als Frau angesprochen. Anstatt meinen amtlichen Geschlechtseintrag und meine eindeutigen Angaben zu respektieren, wurde meine Identität immer wieder infrage gestellt.

Wie tief diese Haltung verankert ist, zeigte sich auch in der Zeugenaussage des Polizeibeamten Marvin Brodehl. Noch vor Gericht vertrat er die Auffassung, ich sei ein Mann, der „als Frau verkleidet sei“. Diese Aussagen offenbaren nicht nur einen gravierenden Mangel an Sensibilität gegenüber trans Personen bei der Polizei, sondern auch ein erschreckendes Rechtsverständnis. Es geht hier nicht um eine persönliche Meinung eines Beamten, sondern um den Umgang staatlicher Gewalt mit den Grundrechten von Menschen.

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