Unser Redebeitrag von der „Take Back The Night“ Demonstration

‚However I dress, wherever I go – yes means yes and no means no!‘ Eine kleine, aber superlaute und kämpferische queerfeministisch Demo zog am Samstagabend durch die Innenstadt, direkt über die Kieler Woche. Einen Demobericht findet ihr bei Fantifa Kiel (Link führt zu Instagram) Im folgenden und in den Kommentaren unseren Redebeitrag (Der Redebeitrag wurde von zwei Personen gehalten daher 1 und 2):

„1) Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt

Ich war noch recht jung, so Anfang zwanzig. Ich hatte gerade erst angefangen, politisch aktiv zu sein. Es fühlte sich toll und aufregend an, Teil von etwas Größerem zu sein – Teil von der Klimabewegung, wo ich endlich das Gefühl hatte, wirklich mit Menschen zusammen zu kommen. Dass ich, gemeinsam mit anderen, etwas bewegen konnte. Und dass ich eigene Unsicherheiten und Ängste – mit der Hilfe, dem Zutrauen und ernstgenommen-werden von anderen Menschen – überwinden kann. Ich wurde selbstbewusster und traute mir zu, Raum einzunehmen, meine Gedanken und Ideen zu teilen.

Gerade in dieser ersten Zeit war das ein tolles Gefühl. Das Gefühl, nicht allein zu sein und vor allem: Das erste mal nicht hauptsächlich umgeben zu sein von Männern, die sich übergriffig, sexistisch und gewaltvoll verhalten – stattdessen zurückhaltende, reflektierte, und zumindest in Ansätzen feministische Männer kennenzulernen. Das war ich aus meinem vorherigen Umfeld leider so gar nicht gewohnt und das hatte früher vor allem zu einem geführt: Zu Rückzug. Dass ich mich selbst kleingemacht habe und den Raum anderen überlassen habe. Dass ich mir jedes mal bei 30 Grad im Sommer 10 Minuten überlege, ob ich das wirklich anziehen will, weil mir bewusst ist, welche Konsequenzen freizügige Kleidung Kleidung haben kann:

2) Eklige Blicke, belästigende Kommentare, sexualisierte Gewalt. Leider ist es oft genau das, was viele Menschen, die weiblich und/oder queer einsortiert werden, mit der Nacht verbinden. Sie steht dabei für Unsicherheit, Gefahr und die Notwendigkeit, sich zu schützen. Wie viele von uns haben schon lange Umwege auf sich genommen, nur um nicht durch den unbeleuchteten Hinterhof oder dunklen Park gehen zu müssen?

Wieviele hatten schon den Schlüssel als Waffe zur Verteidigung in der geballten Faust, weil sie das Gefühl hatten, auf dem Weg nach Hause verfolgt zu werden?

Vor allem für uns ist die nächtliche Stadt ein Raum, welcher bedrohlich markiert ist. Überall könnten betrunkene Männer lauern, an jeder Ecke ein sexualisierender Kommentar oder sogar Schlimmeres auf uns warten. Doch so wahr, real und nicht kleinzureden dieses Gefühl, diese Angst ist, so ein Trugschluss verbirgt sich dahinter: ‚Die Nacht‘, sprich der einsame Weg zum Beispiel vom Feiern nach Hause und die Gefahr von fremden Männern Übergriffe zu erleben, ist nicht unbedingt das, wovor wir uns am meisten schützen müssen. Die allermeisten Übergriffe und Grenzüberschreitungen finden in anderen Räumen statt, und zwar durch Menschen, die wir kennen und mit denen wir in einer mehr oder weniger engen Beziehung stehen.

1) Und so wurde auch ich schnell eines besseren belehrt. Ich lernte, dass auch in aktivistischen und linken Kreisen Sexismus existiert, dass es, wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise, oftmals weiterhin Männer sind, die Raum einnehmen und diesen anderen Menschen verwehren. Die mir weniger oder nichts zutrauen, mich nicht ernstnehmen und mich in bestimmte Rollen abdrängen wollen. Sei es in Waldbesetzungen und auf Klimacamps, wo es immer noch überdurchschnittlich oft weiblich einsortierte Menschen sind, die Essen kochen, putzen und Care-Arbeit übernehmen, während es meist cis-Männer sind, die bei der Räumung in der ersten Reihe stehen, sitzen und im Baum hängen. Sei es bei Antifa-Protesten, wo cis-Männer meinen entscheiden zu dürfen, wo ich stehe und denken, sie hätten das Recht, mich am Arm zu packen und aus der ersten Reihe von der Polizei wegzuziehen. 

Und ja, ich habe auch gelernt, dass es in linken Räumen auch Grenzüberschreitungen, Übergriffe und sexualisierte Gewalt gibt. Dass es Männer gibt, die Unsicherheiten und ihren eigenen Alters- und Erfahrungsvorsprung ausnutzen, um Menschen, die das eigentlich gar nicht wollen, näher zu kommen. Die kein Nein akzeptieren. Und doch bin ich heute, einige Jahre später immer noch hier. Ich habe mich nicht verdrängen lassen, will immer noch kämpfen – für Klimagerechtigkeit, Antifaschismus und vieles mehr. Alleine hätte ich das nie geschafft, wäre ich wieder – wie früher – zurückgewichen, zuhause geblieben und leiser geworden, aus Angst.

2) Gerade deshalb sind Demonstrationen wie diese heute so wichtig: Weil sie uns, wenigstens für eine Nacht das Gefühl geben, dass wir nicht allein sind. Weil wir heute hier auf der Straße sind und wissen: Mit so vielen Menschen um uns herum teilen wir viele unserer Erfahrungen, Ängste und Wünsche. Mit so vielen Mitstreiter*innen kämpfen wir gemeimsam und solidarisch für eine Welt ohne patriarchale Strukturen und Gewalt – ob bei Nacht oder am Tag.

Lasst uns gemeinsam laut sein und bleiben – heute und jede andere Nacht im Jahr. Lasst uns einander nicht mit der Angst alleine lassen, die uns kleinmacht und uns zurückdrängt. Hören wir einander zu und unterstützen wir uns, wenn wir zurückgedrängt und kleingemacht werden, wenn wir Übergriffe und geschlechterspezifische Gewalt erleben! Lasst uns gemeinsam dafür kämpfen, dass keins von uns aufgrund patriarchaler Zuschreibungen verdrängt wird!

Lasst uns die Nacht zurückerobern – aber darüber hinaus auch alle anderen Räume, die uns genauso zustehen, wie denen, die sie uns zur Zeit verwehren! Queerfeministische Solidarität gegen Sexismus und Queerfeindlichkeit!

We’re here, we’re queer, we’re feminists – dont mess with us!

Schreibe einen Kommentar